Gärtnern "ohne" Chemie

«Hat es nicht überall Chemie drin?»

Die Antwort ist ja! Überrascht? Keine Sorge, das geht vielen so und hat mit unserem Umgang und der Zweckentfremdung des Begriffs Chemie zu tun. Die Begriffe «ohne Chemie» oder «chemiefrei» werden oft als Synonym für «natürlich» oder «biologischen Ursprungs» verwendet und kommen mit einem eher negativ behafteten Image daher. Dabei ist die Lehre der Chemie völlig wertfrei und mit ihrer beschreibenden Eigenschaft ein elementarer Grundpfeiler der Naturwissenschaften, genauso wie die Biologie oder die Physik.

Chemie beschäftigt sich mit dem Aufbau, den Eigenschaften und den Umwandlungen von Stoffen und umfasst somit viel mehr, als vielen von uns bewusst ist. Chemie «passiert» oder «entsteht» also nicht nur im Labor, sondern ist, wie die anderen Naturwissenschaften auch, eine Betrachtungsweise und ein Erklärungsversuch der Dinge auf dieser Welt.

Beim Düngen und Pflanzenschutz gilt auch bei biologischen Mitteln gezielt vorzugehen. | © Andermatt Biogarten AG

Gartenerde aus der Sicht der Naturwissenschaften* 

Biologie

Gartenerde ist ein lebendiger Lebensraum für zahlreiche Mikroorganismen, Regenwürmer und andere Tiere. Ihre Bewohner sorgen für den Abbau organischer Substanzen und fördern die Bodenfruchtbarkeit.

Fokus auf:

  • Pilze
  • Bakterien
  • Algen
  • Regenwürmer
  • Springschwänze
  • Milben
  • viele weitere Organismen

Chemie

Chemisch besteht Gartenerde aus Mineralien, Humus, Wasser, Luft und gelösten Nährstoffen. Ihre Zusammensetzung bestimmt, wie viele Nährstoffe Pflanzen aufnehmen können.

Fokus auf:

  • Die chemischen Prozesse, die bei der Zersetzung von organischem Material ablaufen
  • Mineralische Bestandteile (Kalium, Calcium, Eisen, Phosphor, Magnesium, Zink)
  • Organische Substanz (Kohlenstoff, Stickstoff, Phosphor, Schwefel)
  • Wasser und Luft
  • Nährstoffe und pH-Wert

Physik

Physikalisch zeichnet sich Gartenerde durch ihre Struktur, das Porenvolumen sowie das Wasserhalte- und Luftvermögen aus. Diese Eigenschaften beeinflussen, wie gut Pflanzen wachsen können.

Fokus auf:

  • Struktur und Körnung
  • Porenvolumen
  • Wasserhaltevermögen
  • Luftkapazität
  • Stabilität
Der Grossteil des biologischen Lebens ist nicht von blossem Auge sichtbar. | © Andermatt Biogarten AG
Die Nährstoffe bestimmen, was wächst. | © Andermatt Biogarten AG
Wie die Chemie ist die Physik auch nicht immer sichtbar, zeigt sich aber in ihren Auswirkungen. | © Andermatt Biogarten AG

*Daneben gibt es auch noch die Geologie und die Astronomie, die uns helfen, die Erde und das Universum zu beschreiben und zu verstehen.

Die Chemie beschäftigt sich im Wesentlichen mit drei Aufgaben: dem Untersuchen, woraus Stoffe bestehen, dem Herstellen neuer Verbindungen und dem Beschreiben, wie sich Energie bei chemischen Vorgängen verändert.
 

Was eigentlich gemeint ist

Wenn wir allerdings fragen: «Hat es da Chemie drin?», meinen wir oft einen ganz bestimmten Aspekt der Chemie, und zwar, ob etwas chemisch-synthetisch hergestellt wurde. Das heisst: Etwas, das sich in der Natur nicht zu dieser Verbindung zusammenschliesst, sondern künstlich, im Labor oder industriell, dazu gebracht wurde.

Diese Verfahren haben unserer Gesellschaft sehr viel gegeben und sind nicht mehr wegzudenken. Etliche wichtige Arzneimittel wie Schmerzmittel, Antibiotika oder Insulin werden heute synthetisch hergestellt. Das ermöglicht eine gleichbleibende Qualität sowie hohe Wirksamkeit und vermeidet, dass Wirkstoffe aus seltenen Pflanzen oder Tieren gewonnen werden müssen.

Synthetische Substanzen werden gezielt zusammengesetzt. | © Andermatt Biogarten AG
Auch in natürlichen Prozessen laufen chemische Vorgänge ab. | © Andermatt Biogarten AG

Im Garten hat es also überall Chemie; das Wasser, das aus zwei Wasserstoff und einem Sauerstoffmolekül besteht, ist Chemie. Das Kompostieren, bei dem organische Stoffe durch Mikroorganismen zersetzt werden und Energie in Form von Wärme frei wird sowie Stoffe wie Wasser und Kohlenstoffdioxid entstehen, ist Chemie:

C6H12O6 + 6 O2 → 6 CO2 + 6 H2O (Glukose/organisches Material wird zusammen mit Sauerstoff zu Kohlenstoffdioxid und Wasser).

Pflanzenschutzmittel und Dünger

Im Garten begegnen uns solche Verbindungen vor allem in Form von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln und synthetischen Düngern. Beide waren ein wichtiger Bestandteil des Agrarbooms, da die Ernte erheblich gesteigert werden konnte.

Synthetische Düngemittel werden mit dem Haber-Bosch-Verfahren hergestellt. Das Haber-Bosch-Verfahren erzeugt aus Wasserstoff und Stickstoff unter hohem Druck und mit einem Eisenkatalysator Ammoniak, das durch Abkühlung verflüssigt wird. Der Vorgang ist extrem ressourcenintensiv, und es wird viel Erdgas, Erdöl oder Kohle und verhältnismässig viel Energie benötigt. Im naturnahen Garten empfehlen wir daher dringlichst, auf Kompost und organische Dünger zu setzen, da sie weit weniger Energie benötigen und zudem den Boden schonend nähren und die Bodenlebewesen fördern.

Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel sind biologisch aktive Substanzen, die Schädlinge bekämpfen. Darin sind sie meist sehr effektiv. Oder fast ZU effektiv, denn oft wirken sie sehr breit und schädigen nicht nur den Zielorganismus, sondern viele andere Lebewesen gleich mit.

Häufig lehnen sie sich an natürliche Wirkstoffe an, sind aber chemisch angepasst und verändert, damit sie in der Umwelt stabil sind.

Ein Beispiel dafür ist Pyrethrum, das aus einer Chrysanthemen-Art gewonnen wird. Auch Pyrethrum ist sehr breit wirksam, baut sich aber sehr schnell ab und wirkt deshalb nur sehr kurz. Daraus wurden die Pyrethrine gemacht. Stabile Formen von Pyrethrum, die sich über sehr lange Zeit nicht abbauen und über Wochen wirksam bleiben. Ähnlich bei den Neonikotiniden, einer abgewandelten Form von Nikotin.

Viele Mittel, die von Pflanzen natürlich als Schädlingsabwehr produziert werden, werden in abgeänderter Version synthetisch hergestellt und sind entsprechend viel schädlicher als die Naturform.

So passiert es sehr schnell, dass auch nützliche Tiere wie Marienkäfer, Bienen oder Regenwürmer erheblich in Mitleidenschaft gezogen werden und die Rückstände über lange Zeit aktiv bleiben. Auch im privaten Garten besteht ausserdem die Gefahr, dass Rückstände bei Regen in den Boden oder ins Grundwasser gespült werden. Schon kleine Mengen können die Umwelt und die Artenvielfalt beeinträchtigen. Deshalb ist es wichtig, im Garten auf natürliche und biologische Alternativen zu setzen und chemisch-synthetische Mittel zu vermeiden.

Also: Gärtnern wir doch weiterhin mit der Biologie UND der Chemie, aber OHNE chemisch-synthetische Pestizide oder synthetische Dünger, im Garten sowie auf dem Balkon. Damit wir gesundes Gemüse ernten, Insekten weiterhin die wunderbaren Blüten geniessen und auch zukünftige Generationen noch in einem lebenswerten Raum herumtoben können.

Die Art der Pflege zeigt sich im Endprodukt, wie im Gemüse. | © Andermatt Biogarten AG Der Boden profitiert nachhaltig von einer organischen Düngung. | © Andermatt Biogarten AG Nützlinge wie der Marienkäfer profitieren vom Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel. | © Andermatt Biogarten AG
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Moira interessiert sich schon am meisten für die Biologie, aber weil sie alleine halt unvollständig ist, doch auch ein bisschen für die Chemie und die Physik. Sie stösst sich am Begriff «ohne Chemie», da dieser ungenau formuliert ist und zum Imageschaden der Wunderwelt der Chemie beiträgt.

Gleichzeitig findet sie, müsse man unbedingt wissen, dass man zwischen biologisch und chemisch-synthetisch differenzieren muss und biologische Dünger und Pflanzenschutzmittel um Längen nachhaltiger und einfach die bessere Wahl sind. Deshalb hat sie diesen Artikel geschrieben.

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